Der Ausdruck des Pferdes kann Bände sprechen. Er spiegelt die inneren Empfindungen des Pferdes wider. Ein positiver Ausdruck des Pferdes lässt auf eine positive psychische Verfassung des Tieres schließen, von der Pferd und Mensch profitieren. Was aber steht dem oft im Wege und wie können wir damit umgehen?

Wenn wir uns vom „Funktionieren“ blenden lassen

Wenn das Pferd das tut, was der Mensch möchte, kann das für uns ein tolles Gefühl sein. Das ist bei sehr gut „funktionierenden“ Pferden meist der Fall. Sie sind vollkommen brav und sicher. Mit ihnen zu arbeiten, kann viel Spaß machen.

In diesen Fällen lassen wir uns aber manchmal dazu hinreißen, den Ausdruck des Pferdes zu übersehen. Da kann es passieren, dass wir den subtilen Signalen, Gesichtsausdrücken oder Spannungszuständen im Körper des Pferdes keine Beachtung schenken. Zu gut fühlt es sich an, dass das Pferd unsere Anforderungen erfüllt.

Schaut man genauer hin, kann der Ausdruck von gut „funktionierenden“ Pferden aber erschreckend sein: Sie wirken häufig frustriert, ausgebrannt und matt. Der Glanz in ihren Augen ist verschwunden. Obwohl sie allen Aufforderungen des Menschen Folge leisten, interagieren sie nicht mit ihm! Sie haben sich in sich zurückgezogen und abgekapselt.

Welchen Einfluss die Trainingsstrategie haben kann

Pferdetraining zielt in der Regel darauf ab, dass das Pferd das tut, was der Mensch gerne hätte. Das deckt sich aber oft nicht mit dem, was das Pferd gerne machen würde. Das Pferd schlägt ganz andere Verhaltensweisen vor: Es möchte schneller oder langsamer gehen, es tänzelt statt ruhig zu stehen, es schaut immer über den Zaun oder will nur herumstehen, statt sich zu bewegen.

Eine häufig eingesetzte Trainingsstrategie besteht daher darin, die Verhaltensweisen des Pferdes zu unterbinden und dem Pferd stattdessen vorzugeben, was es machen soll. Dies kann auch zeitweise sinnvoll und notwendig sein. Basiert unser gesamter Umgang mit dem Pferd aber darauf, unterbinden wir irrtümlich jede Eigeninitiative des Pferdes. Die daraus erwachsende Frustration drängt das Pferd dazu, sich in sich zurück zu ziehen.

Im schlimmsten Fall verhält sich das Pferd letztendlich wie eine gut programmierte Maschine. Es funktioniert – nicht mehr und nicht weniger. Leider wird dieser Zustand von uns manchmal als „harmonisch“ wahrgenommen und das Verhalten des Pferdes als „willig“ verkannt.

Was passiert, wenn wir nicht auf das Pferd reagieren

Pferde haben die Eigenschaft, ständig mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Beobachtet man Pferde in einer Gruppe, können wir bei genauem Hinschauen eine fortlaufende, subtile Kommunikation erkennen. Selbst wenn sie „nur“ nebeneinander grasen, sind die einzelnen Tiere ständig in Interaktion. Drückt sich ein Pferd aus, bekommt es vom anderen eine Antwort. Diese kann positiv oder negativ sein, aber sie ist vorhanden!

Drückt sich das Pferd gegenüber dem Menschen aus, erhält es oft keine Antwort. Seine Signale sind subtil und werden somit oft übersehen oder nicht verstanden. Richten wir das Training – wie oben beschrieben – nur nach unseren Wünschen aus, nehmen wir die subtilen Anbahnungen des Pferds tendenziell umso weniger wahr.

Erhält das Pferd langfristig keine Rückmeldung, gibt es meist irgendwann auf. Es hört auf zu interagieren und zieht sich in sich zurück. Ein matter, leerer Ausdruck ist vorprogrammiert. Damit geht meist ein Sinken der Eigeninitiative des Pferdes einher.

Wie der Mensch von einem positiven Ausdruck profitiert

Ausdruck hin oder her – was hat denn der Mensch davon? Die Interaktion des Pferdes erhalten zu wollen ist zwar schön und nett – bringt aber keinen Vorteil für uns! Oder etwa doch?

Betrachtet man es aus menschlich-egoistischer Sicht, profitiert der Mensch vor allem von der, dem positiven Ausdruck zugrundeliegenden psychischen Verfassung des Pferdes. Ein positiver Ausdruck und eine intakte Interaktion lassen auf ein lernwilliges und motiviertes Pferd schließen. Und welches Pferd wird mehr geben – jenes das muss, oder jenes das will?

Wie auch Menschen, leisten Pferde in der Regel mehr, wenn sie motiviert sind. Als Reiter dürfen wir uns dann über bessere Ergebnisse im Pferdetraining freuen.

Darüber hinaus ist es – richtig gemacht – wesentlich einfacher, energiesparender und sicherer, die Interessen des Pferdes zu wahren. Denn gegen die Natur des Pferdes zu kämpfen – anstatt sie zu nutzen – ist immer mit mehr Aufwand und auch mehr Gegenwehr verbunden.

Mit der Natur des Pferdes zu arbeiten, wird nicht immer als „einfach“ erkannt, denn oft mangelt es uns an Wissen oder Einfallsreichtum, wie man das denn konkret angehen soll. Mit ein bisschen Nachdenken, Einfühlen und Ausprobieren lässt sich diese Hürde aber nehmen. Ist die im Moment richtige Vorgehensweise gefunden, ist sie immer einfacher und leichter, als gegen die Natur des Pferdes zu arbeiten.

Eine einfache Maßnahme, die Motivation des Pferdes zu halten

Eines der einfachsten Dinge, die wir tun können, um die Eigeninitiative des Pferdes zu erhalten, ist, uns nicht immer an unsere Pläne für eine Trainingseinheit zu halten. Viel Konflikt zwischen Mensch und Pferd ist dem geschuldet, dass der Mensch sehr klare Vorstellungen davon hat, was in einer Trainingseinheit bearbeitet oder gar erreicht werden soll.

Die Idee, etwas Bestimmtes umsetzen zu wollen, hält uns aber davon ab, auf das Hier und Jetzt einzugehen. Alles, was das Pferd von sich aus macht, erscheint uns lästig, zumal es mit dem, was wir geplant haben, nicht im Einklang steht. Wir müssen daher automatisch gegen das Pferd arbeiten.

Sind wir aber bereit, den Inhalt einer Trainingseinheit auf uns zukommen zu lassen, ist es viel einfacher, auf das Pferde einzugehen. Wunderbare Pferd-Mensch-Momente entstehen meist völlig ungeplant. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Pferd das heute so schön macht!“, hört man dann vom Menschen.
Pferde bieten so viel an. Wir müssen nur lernen, die richtigen Fragen zu stellen!

Eine prägende Begegnung

Ich habe vor gut 10 Jahren einen Kurs auf einer Reitanlage gehalten, bei der sich neben dem Reitplatz einige Wohnhäuser befanden. Die Kursteilnehmer arbeiteten fleißig daran, auf ihr Pferd einzugehen und sich seine Mitarbeit zu verdienen.

Nach einiger Zeit öffnete sich eine Tür von einem der Wohnhäuser neben dem Reitplatz. Ein alter Mann auf Krücken kam heraus und fragte, ob er ein bisschen zuschauen könnte. Gebannt beobachtete er das Geschehen. Aus ein bisschen Zusehen wurden letztendlich zwei Tage, an denen er trotz kaltem Wind auf einem Stuhl neben dem Reitplatz saß.

Er sagte nicht viel, nur immer wieder „Wenn wir das gewusst hätten … Was wir damals den Pferden angetan haben … Traurige Viecher waren das … Und eine Plackerei war das … Aber wir haben es ja nicht besser gewusst …“

Diese Begegnung werde ich nie vergessen. Heute wissen wir es besser. Darum sollten wir auch besser handeln. Das Pferd, aber auch der Mensch hat mehr davon!

Ganz nebenbei

Ist dir schon mal aufgefallen, wieviel schöner dein Pferd ist, wenn es einen positiven Ausdruck hat?

Florian Oberparleiter
Oktober 2022